<big>Arabischer Frühling der Frauen. </big>
Von der Unterdrückung zur Selbstbestimmung?
Mi, 14.03. 2012, 19.00 Uhr
Universität Salzburg, UNIPARK Nonntal, Erzabt-Klotz-Straße 1, Raum E.003
Mit
Sabaha Sinanovic (Moderation) arbeitet an der Universität Salzburg und für die Radiofabrik Salzburg.
Martina Sabra lebt in Köln, hat Islamwissenschaften und Hispanistik studiert, Studienaufenthalt in Kairo. War als Journalistin in Kairo/ Ägypten tätig. Sie ist Expertin für Frauenrechte- und Entwicklung, für Nordafrika und dem Nahen Osten. Sie ist Mitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient, Netzwerk Fachjournalisten Islamische Welt und Reporter ohne Grenzen.
Sana el Kebir hat medizinische Informatik und Wirtschaftsingenieurwissenschaften, Informatik und Informatikmanagement studiert. Sie ist Generalsekretärin des Vereins für Solidarität und Integration der Tunesier in Österreich und war Präsidentin des Vereins tunesischer StudentInnen und AkademikerInnen in Österreich. Sie ist derzeit auch Mitarbeiterin bei Projekten der VetMed Wien.
Zu Beginn der Veranstaltung berichten die beiden Referentinnen von ihren Erfahrungen und geben einen kurzen Einblick in die Thematik.
Martina Sabra erzählt, dass zu Beginn des Arabischen Frühlings in Tunesien etliche JournalistInnen über die demonstrierenden Frauen auf der Straße erstaunt waren. Bis zu diesem Zeitpunkt nahmen viele an, dass Frauen von den Männern zuhause festgehalten wurden und sich nicht aktiv in politische Belange einmischen durften. Da Martina Sabra schon zuvor zehn Jahre mit Frauenorganisationen und MenschrechtsaktivistInnen in arabischen Ländern zu tun hatte, stellte sich für sie diese Frage bisher nicht. Ganz im Gegenteil, für sie war es ziemlich normal, dass Frauen auf die Straße gingen – auch an vorderster Front, mit und ohne Kopftuch.
Politischer Aktivismus seitens Frauen ist laut Martina Sabra schon sehr alt und reicht beispielsweise in Ägypten bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein. Frauen beteiligten sich bereits damals am politischen Widerstand gegen den Kolonialismus, für den Nationalismus und auch für den Anti-Imperialismus oder den Islamismus. Die Gender-Thematik und der Kampf gegen die patriarchalen Strukturen kamen verstärkt erst in den 1980er Jahren auf. Die Themen von heute sind also kein neues Phänomen.
Jedoch hat sich das weibliche Empowerment in den letzten Jahren aufgrund unterschiedlicher Faktoren verstärkt. In den arabischen Ländern ist zum Beispiel ein enormer sozio-ökonomischer Wandel bemerkbar. Allgemein nimmt der Zugang zu formaler und höherer Bildung zu. Dies geht zurück auf die Politik der 1960er und 70er Jahre. Dennoch sind immer noch 50% der Menschen Analphabeten – darunter etwa 60% Frauen. Die zunehmende Verstädterung hat zu Veränderungen in der Familienstruktur geführt und damit neue Spielräume und Entfaltungsmöglichkeiten geboten. Die Geburtenrate ist rapide gesunken - binnen 20 Jahre um 50%. Zusätzlich trugen neue Informationstechnologien, die Globalisierung, der Islamismus und die Grundbildung auf dem Land zu dieser neuen sozialen Situation bei.
Wofür gehen die Frauen auf die Straße? Für Demokratie, für den Rechtsstaat, für soziale Gerechtigkeit und Unabhängigkeit vom Westen, für die Stärkung der kulturellen und religiösen Identität, für mehr Einfluss der Religion auf Gesetze, aber auch für die Gleichberechtigung von Mann und Frau und für Frauenfreundlichere Gesetze. Demnach gab es ganz unterschiedliche Gründe und Themen, weshalb die Menschen demonstrierten. Verbunden hat Männer und Frauen aber im Allgemeinen das Thema der Rechtsstaatlichkeit und der Kampf gegen die Korruption.
Sana el Kebir erzählt, dass Fedia Hadmi die erste Flamme der Revolution entzündete. Nach der arabischen Revolution sorgen sich nun viele Frauen um ihre Rechte. Im Land erscheinen immer mehr islamische und radikale Gruppierungen und Parteien. Neue Kleidungsstile tauchen auf, sowohl für Frauen als auch für Männer, vorwiegend mit persischem und afghanischem Einfluss. Es wird darüber diskutiert, ob neue Gesetze eingebracht werden sollen, wie etwa die Polygamie oder, dass Frauen nicht alleine reisen oder sich nicht alleine mit einem Mann in einem Raum aufhalten dürfen. Vor der arabischen Revolution gab es solche Diskussionen kaum. Frauen werden vermehrt auf der Straße beschimpft. Es kommen Prediger aus Saudi-Arabien oder Ägypten, die nicht tunesischer Herkunft sind und für die Beschneidung der Mädchen plädieren. Auch in der Politik zeigen sich diese Tendenzen hin zur Einschränkung von Frauenrechten immer häufiger.
Bei der Diskussion wurden einige Fragen von Sabah Sinanovic, aber auch aus dem Publikum gestellt:
Welchen Unterschied gibt es in Österreich im Gegensatz zu Tunesien, was Frauen im öffentlichen Raum betrifft? Sana erzählt, dass Tunesien ein sehr offenes Land ist und sogar mehr Frauen die Universität besuchen als Männer. Leider hat sich dies das nach der Revolution stark verändert.
Welche Rolle spielt das Kopftuch? Wird dieses bewusst als Symbol für die Abgrenzung zum Westen verwendet? Martina meint zur Kopftuch-Debatte, die in unseren Medien stark thematisiert wird, dass es diesen Trend bereits seit 40 Jahren gibt und heute etwa in Ägypten 95% der Frauen Kopftuch tragen. Dies bedeutet aber nicht, dass Kopftuch-tragende Frauen islamistische Ideologien verfolgen. Sie hat beobachtet, dass die Kopftücher immer bunter werden, kombiniert etwa mit engen Jeans. Es gibt sehr unterschiedliche Frauen. Die einen, die Kopftuch tragen und sehr selbstbewusst auftreten und andere, die keines tragen, jedoch sehr radikal islamistische Einstellungen haben. Martina fragt sich oft, wofür denn dann das Kopftuch steht. Zumindest ist der Grund bei Einzelpersonen oft nicht nachvollziehbar, bei Parteien mit islamistischem Hintergrund hingegen schon. Hier spielt das Kopftuch eine ideologische Rolle.
Wie sieht die derzeitige politische Lage aus? Martina erzählt, dass die meisten Dinge, nach denen die Muslimbrüder rufen, bereits im Gesetz verankert sind, wie etwa die Sharia. Diese wird auch schon lange angewendet, nur eben noch nicht im Strafrecht. Das Besondere ist, dass die Muslimbrüder noch stärker danach rufen, weil sie ganz einfach nichts anderes haben.
Sind die Wahlen in Tunesien fair abgelaufen? Sana meint, dass insgesamt 17 Millionen Menschen wahlberechtigt waren, aber nur 3 Millionen wählen gegangen sind. Daher kann nicht gesagt werden, dass die Mehrheit die jetzige Regierung befürwortet, so wie es aber behauptet wird. Es gab etwa an die 1500 Listen. Die Programme waren untereinander sehr ähnlich. Viele sind mit der derzeitigen Regierung nicht zufrieden. Martina hingegen meint, dass diese Einstellung in Ägypten nicht so negativ ist.
Wie sieht es mit sexualisierter Gewalt aus? Martina berichtet von Schlägertrupps, die Frauen gezielt während der arabischen Revolution in Tunesien zwischen die Beine gegriffen haben. Dies wurde bewusst als Strategie eingesetzt. In Ägypten ist dieses Thema noch stärker tabuisiert, als bei uns in Österreich. Dort wird gesagt, dass Frauen selbst Schuld seien, weil sie auf die Straße gegangen sind. Jedoch hat sich eines massiv nach der Revolution geändert. Das familiäre Umfeld reagiert zunehmen verständnisvoller bei sexuellen Übergriffen. Frauen demonstrieren immer häufiger als Frauen und bewusste sexualisierte Gewalt wird nicht mehr so hingenommen wie früher.
<small>Eine gemeinsame Initiative von Friedensbüro Salzburg und ÖH Salzburg
In Kooperation mit AAI Salzburg und Frauenbüro Stadt Salzburg</small>
Konflikt aktuell "Abschaffung der Wehrpflicht?"
Chancen für eine neue Friedens- und Sicherheitspolitik
Donnerstag, 26. Mai 2011, 19 Uhr
Die Debatte über die Abschaffung der Wehrpflicht ist in den österreichischen Medien momentan wieder ganz aktuell und wird heiß diskutiert. Deshalb wurden zur Konflikt aktuell- Podiumsdiskussion VertreterInnen unterschiedlicher Interessen geladen. Claudia Haydt, Peter Pilz sowie Eduard Paulus, der auf Anfrage kurzfristig eingesprungen ist. Ursprünglich vorgesehen war Herr Pucher. Dieser musste mit der Berufung auf die derzeit laufende politische Debatte und die damit zusammenhängende Erarbeitung der Sicherheitsstrategie absagen.
Claudia Haydt ist Soziologin, Religionswissenschaftlerin und Beirätin der Informationsstelle Militarisierung (IMI). Einführend erzählte Claudia Haydt von den Erfahrungen, die in Deutschland gemacht wurden. Die Wehrpflicht wurde dort wegen Sparmaßnahmen ausgesetzt. Freiwillige konnten wider der Erwartungen schnell gefunden werden. Problematisch sei laut Haydt aber, dass sich nur wenige mit Abitur melden, es aber Spezialisten für das Bundesheer benötigt. Deshalb werde in Deutschland sehr viel Geld in den Bereich der Rekrutierung in Form von Werbemaßnahmen, Sold, Abfindungen und Prämien gesteckt. Claudia Haydt sprach auch über die Problematik der Auslandseinsätze. Die Außenpolitik müsse aus ihrer Sicht den Präventionscharakter an erster Stelle setzen. Denn die Kriegs- und Konfliktprävention ist laut Haydt das einzig Sinnvolle und dabei muss die internationale Verantwortung endlich vor den nationalen Interessen stehen.
Eduard Paulus ist Hofrat, Hauptmann und Jurist, sowie Leiter der Finanz- und Vermögensverwaltung beim Land Salzburg und seit 2007 Präsident der österreichischen Offiziersgesellschaft. Eduard Paulus sieht die Aufgaben des Bundesheeres in der Landesverteidigung, in sicherheitspolizeiliche Einsätze, in der Katastrophenhilfe und in Auslandseinsätzen. Diese bringen laut Paulus personelle und finanzielle Probleme mit sich: Um Freiwillige zu finden werden zum Beispiel von den Amerikanern und Briten Vorbestrafte und Kriminelle rekrutiert. Deshalb können sicherheitspolitische Aufgaben nur mit der jetzigen Wehrpflicht gelöst werden. Eine Lösung sieht Paulus aber auch darin, dass für Auslandseinsätze eine kleine Gruppe verantwortlich ist, die speziell ausgebildet wird.
Peter Pilz ist Grüner Sicherheitssprecher, Abgeordneter im Nationalrat, Politologe und Journalist. Das allerwichtigste in dieser Debatte ist laut Peter Pilz die Einführung einer Bundesheerreform. Er meint, dass das österreichische Heer am Ende ist und nennt hier die Beschaffungsvorgänge der letzten Jahre, denn dort wären überall klare Hinweise auf Korruption zu finden. Außerdem fehlen im Bundesheer die Perspektiven. Zu den Auslandseinsätzen meint Peter Pilz, dass es ein globales Rechtsprinzip braucht, welches nationale Interessen nicht mehr über die Interessen der Menschen stellt. Der Schutz der Menschen und der Menschenrechte sieht Peter Pilz als höchstes Gebot. Es benötigt hier rechtsstaatliche und nicht reine Gewalt-Antworten.
Die Diskussion konnte leider nur einen Teil dieses facettenreichen Themas und der daraus entstehenden Debatte abdecken. Es wurden aber wesentliche Aspekte, sowohl innerer als auch äußerer sicherheitspolitischer Aufgaben des Bundesheeres genannt. Bedeutende Lösungsansätze waren zusammenfassend, dass zukünftig die internationale Verantwortung bedeutsamer sein muss als die nationalen Interessen, dass präventiv eingegriffen werden soll und dass es eine Reform des Bundesheeres braucht, welche neue Perspektiven aufzeigt, um wichtige sicherheitspolitische Maßnahmen in Zukunft gut erfüllen zu können.







