Psychische Beeinträchtigung im Studium

Das Gesellschaftspolitische Referat beschäftigt sich derzeit intensiv mit dem Thema "Psychische Beeinträchtigung im Studium".

Aufgrund dessen starteten wir dieses Semester das Projekt „Mut zur Angst“, welches du auch unter unseren Projekten findest. Hier haben StudentInnen mit diversen Formen der Angststörungen die Möglichkeit sich monatlich über Probleme und neue Lösungsansätze auszutauschen.

Zudem gibt es nun eine Broschüre für StudentInnen mit psychischen Beeinträchtigungen, in der sowohl Rechte, Definitionen, als auch finanzielle Unterstützungsleistungen, Anlaufstellen und Erfahrungsberichte angeführt werden. Hier kannst du sie online downloaden: Broschüre Studieren mit psychischer Beeinträchtigung.

Zudem wurde ein Informationsblatt an das gesamte wissenschaftliche Personal und auch an alle Studienvertretungen ausgesandt, um die universitäre Belegschaft auf das Thema aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. 

Folgend findest du den Artikel, welcher in der aktuelle Juni-Ausgabe der Uni:Press gedruckt wurde.

Solltest du spezifische Fragen zu unseren Projekten haben, kannst du uns jeder Zeit eine Email schicken: gesellschaft@oeh-salzburg.at

Psychische Beeinträchtigung-

Wer ist WIR? Und wer sind DIE?

Psychische Störungen werden gerne mit typisch medial vermittelten Beeinträchtigungen wie Depression, Schizophrenie und Burn-out in Verbindung gebracht. Dadurch aber wird nur ein geringer Teil aller Krankheitsbilder abgedeckt. Dazu einige Beispiele, die häufig nicht als psychische Störung bekannt sind (entnommen aus dem ICD-10, Handbuch der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen):

Legasthenie, Rechenstörung (Dyskalkulie) und Sehschwäche, jegliche Form von Abhängigkeit (beispielsweise Alkohol, Tabak und andere psychotrope Substanzen), Ess- und Schlafstörungen, motorische bzw. Koordinationsschwierigkeiten, Angststörungen sowie unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Intelligenzminderung und Demenz, usf.

Überfliegt man nun die Liste psychischer Störungen im ICD-10, verwundert es kaum, dass jeder zweite Mensch im Laufe ihres/ seines Lebens (vgl. Rössler – bezieht sich auf die  Lebenslaufprävalenz) an einer psychischen Störung erkrankt und sich in Behandlung begibt. (Die Zahlen fallen hier unterschiedlich aus, so nennt das EU-Grünbuch mehr als 27%, führt hier aber eine 12-Montas-Prävalenz an).

Eine einheitliche und allgemein gültige Definition des Begriffes „Psychische Störung“ gibt es dennoch nicht, da die Beeinträchtigungen sehr stark variieren. Jedoch kann gesagt werden, dass eine psychische Störung ein auffälliges Verhaltens- oder psychisches Muster kennzeichnet, welches zu momentanen subjektiven Leiden, einer persönlichen Beeinträchtigung und/ oder einem Verlust von Freiheit in Form von eingeschränkter Teilnahme am sozialen Geschehen führt. Rössler (2007) formuliert Ähnliches: „Gesund ist, wer flexibel mit dem Leben umgehen kann und aus unterschiedlichen Strategien auswählen kann, um seinen Alltag zu bewältigen. Gesund ist also, wer Alternativen hat und diese auch nutzt.“

Eine psychische Störung darf und soll deshalb niemals getrennt vom sozialen Kontext betrachtet werden. Wenn gesellschaftlichen Vorstellungen in der Interaktion und Kommunikation nicht entsprochen werden,  wird eine psychische Störung oft erst nach außen hin „sichtbar“ und je nachdem, wie das soziale Umfeld auf bestimmte Verhaltensmerkmale reagiert, werden Menschen benachteiligt, ausgeschossen oder integriert.

Homosexualität galt zum Beispiel noch bis 1992 als psychische Störung, wurde aber aus dem ICD-10 entnommen, da Probleme nicht durch eigene Neigung, sondern durch diskriminierende Reaktionen der sozialen Umwelt verursacht werden. Das sogenannte Burn-out - ein momentan häufig verwendeter Begriff - wird übrigens nicht im ICD-10 als psychische Störung angeführt. Hier merkt man, dass es sich häufig auch um gesellschaftliche Konstruktionen handelt.

Außer Acht gelassen werden darf zudem nicht, dass es sich bei psychischen Störungen um Krankheiten handelt, daher den Betroffenen keine Schuld trifft, wie es zumal häufig Suchterkrankten, aber auch anderen widerfährt.

Psychische Beeinträchtigung im Studium

Gerade in der Phase zum Erwachsenwerden  entstehen viele neue Probleme. Junge Menschen befinden sich am Beginn des Studiums noch in einem Entwicklungsprozess und in der Identitätsbildung. Hinzu kommt, dass gerade der Leistungs- und Erfolgsdruck im Bildungsbereich enorm ist. Im universitären Sektor geht es ganz stark um Intellektuelles, um Leistung und auch ein Stück weit um Elite. Und immer dort, wo Leistung in einem hohen Ausmaß Thema ist, ist man mit Versagensängsten konfrontiert und dies erfordert psychische Stabilität. Zusätzlich erzeugen persönliche Veränderungen wie Wohnungs- und Ortswechsel, neue FreundInnen und das selbstständige Arbeiten, die oft prekär finanzielle Situation und überfrachtete Studienpläne zu zusätzlichen Problemen im Studium bei.

Studie zur sozialen Lage

Im Wintersemester 2009/10 haben sich mehr als 40.000 Studierende an der umfangreichen Online-Befragung zur sozialen Lage gesundheitlich beeinträchtigter Studierender, welche alle drei Jahre vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung in Auftrag gegeben wird, beteiligt.  

Die Ergebnisse zeigen, dass fast 4% (14.000) an einer psychischen Beeinträchtigung leiden. Am Häufigsten genannt wurden Depressionen bzw. depressive Verstimmungen (ca. die Hälfte von den 4%), Angststörungen (fast 20%), sowie Burn-out (7%), bipolare Störungen und Borderline-Syndrom (je 2%), Bulimie und andere Essstörungen (8%). Angegeben wurden auch noch weitere Krankheitsbilder wie Aufmerksamkeitsdefizitstörung, Posttraumatische Belastungsstörung und Asperger-Syndrom, Dysthymie und Neurose.

Bei 1,1% (etwa 3.300) der Studierenden ergeben sich durch die Erkrankung ständig negative Auswirkungen im Studium, wobei sich weitere 2,3% (knapp 7.0000) zumindest zeitweise beeinträchtigt fühlen. 19% der Studierenden mit psychischer Erkrankung waren im WS 2009/10 prüfungs- und 11% studieninaktiv. Somit kommen Studierende mit psychischer Erkrankung in ihrem Studium häufig langsamer voran als es der Regelstudiendauer entsprechen würde und weisen mit 32% eine besonders hohe Unterbrechungsquote auf.

Gleichstellung an der Uni Salzburg

Die Paris-Lodron Universität Salzburg bekennt sich im Universitätsgesetz (2002) zur Gleichstellung von behinderten, psychisch Erkrankten, sowie chronisch kranken Personen und zur Schaffung von Rahmenbedingungen, die eine gleichberechtigte Teilnahme am gesamten Studien-, Lehr- und Forschungsbetrieb gewährleisten soll.

Leider wurden diese Forderungen für StudentInnen mit psychischer Erkrankung bis dato nicht oder nur teilweise umgesetzt. Dafür bräuchte es Personen, die das Thema der psychischen Erkrankung durch Sensibilisierung und Aufklärung „enttabuisieren“, sowie Projekte in diesem Bereich wie zum Beispiel eine „Barrierefreie Lehrveranstaltung“ initiieren. Zudem ist die Einführung solcher Maßnahmen mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden. Da die Krankheitsbilder psychischer Störungen so stark variieren, ergeben sich vielfältige und spezielle Bedürfnisse im Studium. Barrierefreiheit bedeutet demnach nicht, einen generellen Studienplan für alle betroffenen StudentInnen mit psychischer Beeinträchtigung zu etablieren, sondern immer auch ein Stück weit individuelle Studienplanung und Lernfreiheit.

Hierzu wird im Bericht der sozialen Lage gesundheitlich beeinträchtigter Studierender auch angeführt, dass die häufigsten Probleme aufgrund unvorhergesehenen Studienunterbrechungen und Prüfungsmodalitäten, sowie der Studienorganisation entstehen. Die Abwicklung von Förderanträgen stellen für mehr als ein Drittel der Studierenden mit psychischer Erkrankung eine Hürde dar und etwa 50% der Studierenden mit psychischer Beeinträchtigung haben aufgrund ihres Krankheitsbildes spezifische Bedürfnisse im Studienalltag. Dabei wird bei 38% auf diese gar nicht oder nicht eingegangen.

78% der Studierenden mit psychischer Erkrankung sei es übrigens lieber, wenn möglichst wenige Menschen über ihre Erkrankung Bescheid wissen. Um einer möglichen Stigmatisierung zu entgehen, suchen viele Betroffene erst dann Hilfe, wenn der Leistungsdruck schon extrem groß ist. Darüber gesprochen wird häufig erst, wenn es dem Betroffenen wieder besser geht.

Sensibilisierung und Aufklärung

Um den Betroffenen ein Stück weit zu unterstützen, hat das gesellschaftspolitische Referat der ÖH für Studierende mit psychischer Beeinträchtigung eine Broschüre erstellt, die ab Juli sowohl gedruckt als auch online verfügbar sein soll. Dort finden betroffene StudentInnen Informationen zu Definitionen, Krankheitsbilder nach ICD-10, Rechte im Studium, Unterstützungsleistungen, Anlaufstellen als auch Erfahrungsberichte von Studierenden.

Zudem wurde in diesem Sommersemester die Selbsthilfegruppe „Mut zur Angst“ für StudentInnen mit Angststörungen gegründet. Dort kann man sich über Probleme im Alltag und/ oder Studium austauschen, Erfahrungen schildern oder sich einfach mal informieren. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat, jeden letzten Dienstag.

Um aber nicht nur die StudentInnen für dieses Thema zu sensibilisieren, wird im kommenden Monat ein Informationsblatt an alle Lehrenden und Studienvertretungen ausgesandt. Hier soll noch einmal auf die Problematik eingegangen werden, dass zwar laut Universitätsgesetz Barrierefreiheit bestehen muss, längst aber noch nicht umgesetzt wurde.

All diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, dass das Thema der psychischen Erkrankung enttabuisiert wird und somit betroffene Studierende mehr Mut bekommen über ihre Probleme im Studienalltag zu sprechen oder sich Hilfe zu suchen.