Wir sind gleich - Studieren Barrierefrei
Barrierefreies Studieren im UniPark? Eindrücke vom Aktionstag am 1.12.2011
Am 1.12. konnten Studierende anlässlich des Aktionstags „Wir sind gleich – Studieren Barrierefrei“, eine Initiative und Kooperation der ÖH sowie der Sozialen Initiative Salzburg, im und um den UniPark herum ausprobieren, mit welchen Alltagshürden ihre KollegInnen mit körperlichen Einschränkungen konfrontiert sind. Danke an alle, die sich mutig beteiligt haben! Einige visuelle Eindrücke vom Aktionstag findet ihr in unsere aktuellen Bildergalerie. Außerdem in diesem Radiobeitrag.
Kommen betroffene MitstudentInnen überall hin, wo sie hinkommen müssen und wollen? Eine Hand voll Freiwilliger haben sich dieser Herausforderung gestellt, sich in den Rollstuhl gesetzt und gemeinsam mit Lisi Losbichler Treppenhäuser, die Durchgänge, den Lift und die Rampe zum Gebäude auf ihre Barrierefreiheit getestet. Mit ernüchterndem Ergebnis:
„Hilflos fühlt man sich aber, wenn man mit Rollstuhl die gesonderte, behindertengerechte Auffahrt im hinteren Bereich des Gebäudes hinauffährt. Man fühlt sich schwach, wenn man sich die Steige mit dem händisch-bedienbaren Rollstuhl hinaufplagt, oben verschwitzt und atemlos ankommt.Man fühlt sich gedemütigt, wenn man es mit Rollstuhl nicht rechtzeitig durch die enge Lifttür schafft und noch einmal fünf Minuten warten muss bis der Aufzug wiederkommt.“
Und wie ist es, wenn einer/ einem ein Sinn fehlt, der in unserem Alltagsleben ein so dominierende Rolle spielt? Wie ist es, blind zu sein? Mittels blickdichter Augenbinde und mit einem Blindenstock ausgerüstet, haben sich einzelne gemeinsam mit Stefan Martin am taktilen Blindenleitsystem entlang zum UniPark-Gebäude vorgetastet, sind dabei vereinzelt sogar in echten Stress geraten,
„wenn ich selbst erlebe, wie es sich anfühlt, sich beinahe orientierungslos am Gebäude entlang zu tasten und immer wieder gegen Fahrräder zu stolpern, die gedankenlos meine einzige Orientierungshilfe, das Blindenleitsystem verbarrikadieren“.
Die positive Erfahrung: viele helfende Hände, die ohne große Worte den Rollstuhl schieben wolen, per Zuruf vor Stolperfallen warnen. Wir vom GesPol hätten uns vielleicht mehr Aufmerksamkeit gewünscht, mehr aktives Interesse. Der Alltag ist für alle voller Barrieren: zu wenig Zeit, zu viel Stress. Hilfsbereit sind die meisten und auch achtsam. Aber:
„Strukturelle Hürden schränken die Barrierefreiheit und damit Autonomie und Selbstständigkeit betroffener Menschen ein.“
Wir haben beim Aktionstag (noch) einige infrastrukturelle Hürden im UniPark (Artikel unten anbei) gefunden, die Menschen mit physischen Beeinträchtigungen an der uneingeschränkten Teilhabe am Uni-Leben und Arbeiten hindern. Es gibt noch einiges zu verbessern, aus- und umzubauen. Dafür stehen wir in ständigem Kontakt mit der Uni und den Verantwortlichen.
Unten anbei findest du ein paar lesenswerte Eindrücke unserer Freiwilligen von ihren Erfahrungen am Aktionstag. Was bedeutet Barrierefreiheit für dich? Für Fragen und Rückmeldungen stehen wir euch gerne unter gesellschaft@oeh-salzburg.at zur Verfügung.
Euer Referat für Gesellschaftspolitik, Menschenrechte und Ökologie
Erfahrungsberichte:
Ich gehe in Tippelschritten die Gummimatten entlang. Die Rampe hinunter. Meine rechte Hand streift das Unigebäude, das gibt mir Halt. Auf dem Steinboden angekommen, suche ich mit dem Blindenstock nach den Rillen des taktilen Leitsystems. Gefunden. In kleinen Schritten geht es weiter. Tausend Stimmen um mich herum. Ich bin unsicher, werde noch langsamer. Der Weg kommt mir so weit vor. Ich weiß, dass bald ein Fahrrad mitten im Weg stehen wird (ich habe es im Vorfeld dieser Selbsterfahrung schon gesehen). Mit dem Blindenstock erkenne ich diesen Fremdkörper. Ich greife vor mich: ein Fahrradkorb. Ich muss das taktile Leitsystem verlassen, taste mich am Fahrrad entlang vorwärts. Der Steinboden unter meinen Füßen gibt mir keinerlei Orientierung. Ich versuche die Rillen des Blindenleitsystems wieder zu finden. Noch ein paar letzte Schritte, dann ist diese Selbsterfahrung vorbei. Ich nehme die Augenbinde ab und frage mich, wie sehr so ein Fahrrad auf dem taktilen Leitsystem eine blinde Person erst verunsichern muss....Also: Don´t block! (Vanessa)
Behinderung bedeutet für mich, dass ich mich aufgrund gesellschaftlicher Barrieren und Hürden nicht frei und autonom bewegen kann. Behinderung heißt für mich nicht, dass mir körperliche oder psychische Fertig- oder Fähigkeiten, die andere besitzen, fehlen. Gäbe es keine gesellschaftlichen Strukturen, die mich einschränken, würde ich mich dann überhaupt „behindert“ fühlen? Deshalb bedeutet Barrierefreiheit für mich, dass gesellschaftliche Hürden und Strukturen abgebaut werden und ich uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, ohne auf Hilfe anderer angewiesen zu sein oder mich hilflos oder anders zu fühlen. Barrierefreiheit bedeutet für mich Akzeptanz und Verständnis. Viele Hürden werden nicht bewußt oder mit Absicht errichtet, sondern aufgrund von Unwissen. Barrierefreiheit kann sich somit nur durch Sensibilisierung und Aufklärung in den Köpfen der Menschen und in der Gesellschaft etablieren. Hilflos fühlt man sich aber, wenn man mit Rollstuhl die gesonderte, behindertengerechte Auffahrt im hinteren Bereich des Gebäudes hinauffährt. Man fühlt sich schwach, wenn man sich die Steige mit dem händisch-bedienbaren Rollstuhl hinaufplagt, oben verschwitzt und atemlos ankommt. Man fühlt sich gedemütigt, wenn man es mit Rollstuhl nicht rechtzeitig durch die enge Lifttür schafft und noch einmal fünf Minuten warten muss bis der Aufzug wiederkommt. Hier erst wird „Behinderung“ offensichtlich. Strukturelle Hürden schränken die Barrierefreiheit und damit Autonomie und Selbstständigkeit betroffener Menschen ein. (Barbara)
Barrierefreiheit bedeutet für mich vor allem, hinkommen zu können, wo ich hin will, ohne ständig auf fremde Hilfe angewiesen sein zu müssen. Deswegen bin ich in echten Stress geraten, als ich selbst erlebte, wie es sich anfühlt, sich beinahe orientierungslos am Gebäude entlang zu tasten und immer wieder gegen Fahrräder zu stolpern, die gedankenlos abgestellt, meine einzige Orientierungshilfe, das Blindenleitsystem, verbarrikadieren. Barrierefreiheit beginnt in unseren Köpfen. Hinschauen, zuhören, mitdenken, vielleicht sind das die ersten Schritte für ein echtes Miteinander – im Uni-Alltag wie im Privaten. (Karo)
Unipark Nonntal: Wir sind gleich - sind wir?
Am Freitag den 14.10. 2011 wurde der neue UNIPARK Nonntal im Rahmen des Tages der offenen Tür erstmals einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. Die ÖH Salzburg hat dabei neben dem allgemeinem Platzproblem (steigende Anzahl von StudentInnen wurde in Planung nicht mitberücksichtigt) und eines fragwürdigen Energieverbrauchs auch auf jene Aspekte des Neubaus hingewiesen, die besonders Studierende mit körperlichen Beeinträchtigungen vor riesige Probleme stellt. Barrierfrei ist das neue Gebäude in vielen Bereichen noch nicht:
- Es gibt momentan nur einen rollstuhlfahrerInnengerechter Zugang über den hinteren Bereich des Uniparks – dieser wird aber derzeit von den Wenigsten genutzt, da eine Beschilderung bzw. Kennzeichnung fehlt. Die BIG (Bundesimmobilengesellschaft) hat uns hier versichert, dass diese in den kommenden Monaten installiert werden soll.
- Das Blindenleitsystem, welches von der Busstation zum UniPark Gebäude Richtung Haupteingang führt, wird momentan von einer Unzahl an Fahrrädern blockiert, da eine entsprechend sichtbare Kennzeichnung fehlt.
- im gesamten Innenbereich fehlt ein sehbehindertengerechtes Orientierungssystem, außerdem müssten wesentliche Räumlichkeiten zusätzlich in Braille-Schrift gekennzeichnet werden. Hier wurde uns von den Zentralen Wirtschaftsdiensten der Universität Salzburg zugesichert, dass es zukünftig ein Blindenleitsystem im gesamten Gebäude geben soll.
- nicht alle Türen, besonders jene zwischen den Fachbereichen, sind mit automatischen und gut erreichbaren Türöffnern ausgestattet
- die Sprachausgabe in den Liften ist von schlechter, schwer verständlicher Tonqualität – soll aber auch von Zuständigen der BIG in den kommenden Monaten geändert werden.
- die sanitären Einrichtungen in den Behinderten-WC's sind nicht für alle gut erreichbar installiert.
- der Arbeits- und Lesebereich in der Bibliothek ist für RollstuhlfahrerInnen nur mit Hilfe der BibliotheksmitarbeiterInnen zugänglich. Der Lesebereich soll laut BIG nun mittels Lift erreichbar sein. Der Arbeitsbereich ist leider immer noch nicht – aufgrund einer alarmgesicherten Türe bzw. Treppen –für RollstuhlFahrerInnen zugänglich.
- der Zugang zum oberen Bereich des "Unikum"- Cafés, in dem sich die niedrigeren Tische befinden, ist nur über einen großen Umweg möglich. Der Leiter des Unikums Cafés hat sich aber hier unverzüglich darum gekümmert, dass es nun im unteren Bereich zwei niedrige Tische für RollstuhlFahrerInnen gibt.
- Zwei Seminarräume am Dachgeschoß sind für RohlstuhlFahrerInnen nicht zugänglich, da diese nur via Treppe erreichbar sind.
- In manchen Hörsälen fehlen Tische, die für RollstuhlFahrerInnen geeignet sind.
Wie groß die Defizite in der Planung und Umsetzung des neuen "Aushängeschildes" der Uni und Stadt Salzburg tatsächlich sind, haben Elisabeth Losbichler und Stefan Martin im Rahmen einer umfassenden Tour durch das Gebäude für uns getestet und uns dabei auf viele große wie kleine Hindernisse aufmerksam gemacht, die Studierenden mit körperlicher Beeinträchtigung das Alltagsleben wirklich schwer machen. Hier findet ihr die Erfahrungsberichte der beiden sowie den daraufhin erstellten Forderungs- und Maßnahmenkatalog der ÖH für eine schnelle und nachhaltige Verbesserung der Barrierefreiheit im neuen Unipark.
Vielen Dank an dieser Stelle an Lisi und Stefan für ihr Engagement!
Wir halten an unseren Forderungen fest und, euch über die Situation und von Seiten der Uni versprochenen Nachbesserungen auf dem Laufenden!
Wir sind gleich - Studieren Barrierefrei - Aktionstag am 20. Juni 2011
Auch dieses Semester fand wieder der Aktionstag „Wir sind gleich – Studieren Barrierefrei“ statt. StudentInnen hatten an der Naturwissenschaftlichen Fakultät die Möglichkeit Hürden und Alltagsprobleme Ihrer KollegInnen mit körperlichen Beeinträchtigungen näher kennen zu lernen.
Für die StudentInnen wurde ein Pakour mit Rolli-, Blinden- und Gehörlosen-Station aufgebaut. Meisterten diese alle Aufgaben, bekamen sie einen ÖH-USB Stick geschenkt. Die Erfahrungen, die sie dabei sammeln durften, stellten aber sicherlich einen viel größeren Gewinn dar.
Zu Beginn wurde mit dem Rolli das Einparken in den Lift geübt, dessen Türen automatisch nach wenigen Sekunden schließen und laut Ö-Norm 90cm Breite betragen. Nach mehreren Versuchen schafften es aber auch die weniger Geübten im Rollifahren, den Lift per Knopfdruck zu holen und so schnell wie möglich hineinzufahren ohne sich dabei die Finger auf der Seite einzuklemmen.
Danach ging es mit Blindenstock und Augenbinde Richtung Mensa. Herr Tiefenbacher, Chef von den Mensen, hat uns dafür Kräuter in Schälchen zur Verkostung aus dem eigenen Botanischen Garten zur Verfügung gestellt. Das Erraten der richtigen Gewürze fiel den StudentInnen verhältnismäßig leicht. Viel schwerer war das Bewältigen der schwer zu öffnenden Türen, die das Foyer von der Mensa trennen. Auch die Rillen im Steinboden ließen die „nicht-sehenden“ StudentInnen jedes Mal aufschrecken, wenn sie mit dem Blindenstock darüber stolperten.
Bei einer weiteren Station konnte man am Computer einen Test machen. Mittels Videos wurden Gebärden dargestellt, die es zu erraten galt. Einige StudentInnen übten sich dann auch im Lippenlesen. Zwei Personen standen sich mit Kopfhörern gegenüber und versuchten die jeweiligen Wörter, die mit den Lippen formuliert wurden, zu „ersehen“.
Rückblickend betrachtet war es wieder einmal eine tolle Erfahrung - auch für uns MitarbeiterInnen der ÖH. Leider besteht immer noch eine gewisse Angst bzw. Scheu sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Dennoch haben die StudentInnen, die uns an diesem Tag begegnet sind, Neugier und Überraschung gezeigt. Besonders deutlich wurde dies, als wir mit Augenbinde und Blindenstock die Mensa durchquerten.
Ein großes Dankeschön soll dabei ganz besonders an jene StudentInnen gehen, die das Projekt vor einem Jahr initiiert haben und auch wieder mit dabei waren: Elisabeth Losbichler, Jasmin Melanholic und Stefan Martin, aber auch an unsere Mitkoordinatoren, Christian Treweller vom Verein Soziale Initiative Salzburg und Mag. Christine Steger vom Behindertenreferat der Universität Salzburg.








